Depressionen zählen zu den gravierendsten Gesundheitsproblemen, die trotz zunehmender Bekanntheit des Begriffs und verbesserter Präventions- und Therapiemethoden unter den heutigen Lebensbedingungen weiter zugenommen haben. Davon betroffen sind auch Mütter, insbesondere Mütter von Kleinkindern.
Aufgrund der sich über mehrere Jahrzehnte abzeichnenden Entwicklung entschloss ich mich aufgrund eines Artikels des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. med. Markus Merz, eine Dissertation zum Thema "Erschöpfungszustände bei Müttern von Kleinkindern" zu schreiben. In einer Längsschnittuntersuchung wurden 1993 und 2014 Mütter angeschrieben, welche zwei bis drei Jahre zuvor in einer der Geburtskliniken von Winterthur ein Kind geboren hatten, also Mütter mit Kleinkindern im Alter von ca. 1 bis 3 Jahren. Zur Vermeidung von Einflüssen unterschiedlicher Herkunftskulturen und aus ethischen Gründen wurden ausschliesslich Schweizerinnen mit einem bei der Geburt gesunden Kind in die Stichprobe aufgenommen.
In einer ersten ausführlichen schriftlichen Befragung von 1993 wurden 1000 Mütter angeschrieben und rund 900 auch erreicht. Die Rücklaufquote war mit 70% ausserordentlich hoch. 685 Mütter konnten in die Studie aufgenommen werden. Mit 20 Müttern, die aufgrund der Befragungsergebnissen an einer mittleren bis schweren Depression litten, wurde zusätzlich ein vertiefendes Interview durchgeführt.
Im Sommer 2014 wurde die Befragung weitgehend unverändert wiederholt. Aus organisatorischen Gründen wurden diesmal noch 323 Mütter angeschrieben. Die Rücklaufquote war mit 57% etwas tiefer, wohl nicht zuletzt wegen dem erhöhten Ausbildungsstand und heute weit stärker verbreiteter Berufstätigkeit von Frauen und dem erhöhten Zeit- und Organisationsaufwand für die Verbindung von Familie und Beruf. In die Studie aufgenommen wurden diesmal noch 175 Mütter.
Die Längsschnittuntersuchung ermöglichte mit einer Zeitspanne von 20 Jahren die Erhebung spezifischer Probleme zum Zeitpunkt der beiden Untersuchungen sowie die Erfassung bedeutsamer sozialer Veränderungen und ihrer Konsequenzen.
Die Anzahl depressiver Mütter wurde mit einem Depressions-Score ermittelt, welcher wichtige Symptome und den Schweregrad einer Depression erfasst. Die Resultate der Untersuchung zeigen, dass Erschöpfungszustände trotz verbesserter Angebote der Kinderbetreuung zwischen 1993 und 2014 zugenommen haben, am deutlichsten in der Gruppe mit sehr hohen Depressionswerten, welche um 33% zunahm:
| Depressions-Score | 1993 | 2014 |
| Mütter mit einer längeren Erschöpfungsphase: | 54.7% | 58.3% |
| Mütter mit hohen Depressionswerten: | 12.7% | 15.3% |
| Mütter mit sehr hohen Depressionswerten: | 3.9% | 5.2% |
Bei Müttern mit einer längeren Erschöpfungsphase wurde 2014 zwar häufiger eine Depression diagnostiziert, aber angesichts unserer Untersuchungsdaten immer noch deutlich zu selten: 1993 bei 0.8%, 2014 bei 8% der Mütter, die eine längere Erschöpfungsphase erlebten. Die grosse Mehrheit der erschöpften und depressiven Mütter fand folglich weder auf Veranlassung von betreuenden Ärzten noch von anderen Fachleuten rechtzeitig eine angemessene therapeutische Behandlung oder Unterstützung in der Alltagsbewältigung.
Das Problem liegt aber nicht nur bei den Ärzten und beim Fachpersonal. Betroffene Frauen und ihr soziales Umfeld versuchen ihre Schwierigkeiten und ihr "Versagen" vorerst möglichst zu verbergen und nehmen die Depression oft gar nicht oder erst sehr spät als solche wahr. Deshalb bleiben Präventionsmassnahmen und niederschwellige Unterstützungs- und Therapieangebote häufig ungenutzt.
In der Untersuchung stellten Mütter mit depressiven Symptomen häufig sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Sie waren zu hohem Einsatz bereit, empfanden die Umstellung nach der Geburt unerwartet schwierig und zeigten grössere Mühe, zu ihren Bedürfnissen zu stehen und sie auch klar zu äussern. Erschöpfte Mütter erlebten ihr Kind oftmals schwierig und die Beziehung zu ihrem Partner deutlich weniger befriedigend als vor der Geburt des Kindes.
Als besonders belastend bezeichneten die 2014 befragten Mütter:
- die Erschöpfung durch Schlafmangel
- ihre emotionale Labilität
- Schlafprobleme beim Kind
- mangelnde Unterstützung durch den Partner, belastete Partnerbeziehung
- Schreiphasen des Kindes
- Ernährungs-/ Stillprobleme
- Rivalität / Eifersucht unter den Geschwistern
- Umstellung auf die Elternschaft
- Doppelbelastung durch Berufstätigkeit und Mutterrolle
- Wohnortswechsel im Zusammenhang mit der Familiengründung bzw. Vergrösserung der Familie
- Persönliche Unsicherheit
Mütter mit hohen Depressionswerten erwogen 1993 wie 2014 in weit höherem Mass eine Trennung oder Scheidung von ihrem Partner. Die Inanspruchnahme fremder Hilfe wurde 2014 im Vergleich zu 1993 stärker als persönliches Versagen gewertet und aus Scham vermehrt auf den engsten Verwandten- und Bekanntenkreis begrenzt.
Die 2014 befragten Mütter schätzten die emotionalen Effekte der Elternschaft auf die Partnerbeziehung deutlich weniger positiv ein. Auch beklagten sich die 2014 erfassten Mütter in weit stärkerem Mass als in der Befragung von 1993 über ihr Defizit an Möglichkeiten, sich mit dem Partner auszutauschen und gemeinsame Aktivitäten zu pflegen. Zudem wünschten sie sich in statistisch bedeutsamem Ausmass mehr Lob und Anerkennung ihrer Leistungen als Mutter.
In der vorliegenden Untersuchung ergab sich bei Müttern mit depressiven Symptomen weder ein Zusammenhang mit ihrem Alter noch mit ihrer Kinderzahl. Das Erstgeburtsalter der erfassten Mütter stieg von 1993 bis 2014 von 27,4 auf 31,1 Jahre. Während in der Erstuntersuchung 70,2% der Mütter der Altersgruppe 20-29 Jahre und 18,1% der Altersgruppe 30-39 Jahre angehörten, zählten in der Folgeuntersuchung noch 28,0% zur Altersgruppe 20-29 Jahre, wogegen der Anteil der Altersgruppe 30-39 Jahre auf 58,3% angestiegen war.
Dieser Anstieg dürfte nicht zuletzt eine Folge der veränderten Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für Frauen sein. Der Anteil von Müttern mit qualifizierter Berufsausbildung ist zwischen der Erst- und der Folgeuntersuchung stark angestiegen, der Anteil erwerbstätiger Mütter von knapp einem Drittel auf nahezu zwei Drittel und der durchschnittliche Beschäftigungsgrad von einem auf zweieinhalb Tage/Woche.
Die traditionelle Familie als Nest empathischer Zusammengehörigkeit steht heute immer mehr in Konkurrenz zu zweckrationalen Familienstrukturen. Die Arbeitstätigkeit beider Elternteile erfordert einen höheren Organisationsaufwand für die Kinderbetreuung. Settings familieninterner oder -ergänzender Kinderbetreuung von wöchentlich 2-3 Tagen sind mittlerweile sehr verbreitet. Professionelle Betreuungsangebote wie z.B. die Kindertagesstätten (Kitas) haben markant an Bedeutung gewonnen.
Trotzdem lastet auf der Mutter häufig immer noch die Erwartung, neben Kinderbetreuung und Berufstätigkeit die bisherigen Tätigkeiten im Haushalt unverändert weiterzuführen. Es ist wichtig, dass die Mutter nicht nur durch Kinderbetreuung während ihrer Arbeitstätigkeit, sondern auch im Haushalt angemessene Unterstützung und Entlastung erhält. Entlastungsmöglichkeiten wie z. Bsp. die Inanspruchnahme einer Putzfrau (falls dies das Haushaltbudget erlaubt) werden noch zu wenig in Anspruch genommen.
Das Befinden und die Bedürfnisse der Mütter dürfen nicht ignoriert werden. Von Problemen eines Familienmitglieds ist jeweils die ganze Familie und teilweise auch ihr soziales Umfeld mitbetroffen. Es ist daher wichtig, die Familie als Ganzes mit geeigneten Hilfsmassnahmen zu unterstützen.
Um einem falschen "Ausharren" in einer belastenden Situation vorzubeugen, ist es hilfreich, mit Eltern bereits vor der Geburt ihres Kindes über verfügbare Ressourcen und Präventionsmöglichkeiten zu diskutieren und sie zu ermutigen, bei auftretenden Schwierigkeiten rechtzeitig Hilfe zu suchen und anzunehmen.
Kursangebote
Folgende Kurse ermöglichen bereits vor der Geburt Präventionsmöglichkeiten und Ressourcen kennen zu lernen oder bei Betroffenheit geeignete Hilfsangebote kennenzulernen:
Informationen für Fachpersonen
Gerne sendet die Autorin interessierten Fachpersonen weitere Informationen über die Untersuchung zu.